Hyperphosphatämie bei Nierenversagen
Erhöhte Phosphatspiegel im Blut (Hyperphosphatämie) sind fast immer eine
Folge chronischen Nierenversagens. Der Körper ist dann nicht mehr in der Lage,
das überschüssige, tagtäglich über die Nahrung aufgenommene Phosphat
auszuscheiden. Obwohl fast alle Dialysepatienten davon betroffen sind,
verursacht die Hyperphosphatämie zwar zunächst nahezu keine Symptome –
langfristig jedoch können erhöhte und unbehandelte Phosphatspiegel zu
schwerwiegenden Folgeerkrankungen führen wie:
- Überfunktion der Nebenschilddrüse (sekundärer Hyperparathyreoidismus)
- Abnahme der Knochenstabilität, verbunden mit Knochenschmerzen,-brüchigkeit
und Skelettdeformationen
- Arterienverkalkung und kardiovaskuläre Erkrankungen
Wie entsteht eine Hyperphosphatämie?
Phosphat und Calcium sind lebenswichtige Mineralien, deren Gleichgewicht im
Körper genau ausbalanciert wird. Über Magen und Darm werden Phosphat und Calcium
in den Blutkreislauf aufgenommen. Die Knochen sind der größte
Mineralstoffspeicher des Körpers. Mehr als 99% des Calciums und mehr als 85% des
Phosphats sind im Knochen eingelagert. Die beiden Mineralien bilden die
Bausubstanz der Knochen und sind verantwortlich für ihre Härte und Stabilität.
Die Knochen haben eine Pufferfunktion. Sinken die Mineralstoffspiegel ab, werden
Calcium und Phosphat vermehrt aus den Knochen freigesetzt. Steigt die
Mineralstoffkonzentration hingegen über den normalen Wert hinaus an, wird
Knochen aufgebaut und überschüssige Mineralstoffe damit gebunden. Die Nieren,
durch die jeden Tag 1.500 Liter Blut fließen, filtern das mit der Nahrung
aufgenommene überschüssige Phosphat aus dem Blut und scheiden es aus. Außerdem
bilden sie ein Hormon („aktiviertes“ Vitamin D, Kalzitriol), das die
Calciumaufnahme über den Darm verbessert. Als letzter Akteur in der Regulierung
des Mineralstoffhaushalts kommen noch die Nebenschilddrüsen ins Spiel. Sie
bilden den Signalstoff Parathormon (PTH). Es wird vermehrt gebildet, wenn der
Calciumspiegel zu sehr absinkt und wenn der Phosphatspiegel zu hoch klettert. Es
stimuliert die Nieren, vermehrt Phosphat über den Urin auszuscheiden. Es
steigert den Knochenabbau und setzt dadurch Calcium und Phosphat frei. Und es
stimuliert die Bildung von „aktiviertem“ Vitamin D in den Nieren, was zu einer
erhöhten Calcium-Resorption aus dem Darm führt.

Bei eingeschränkter Nierenfunktion kann die Niere nicht mehr
genug überschüssiges Phosphat ausscheiden, das sich dann im Körper ansammelt.
Gleichzeitig produziert die kranke Niere zu wenig „aktiviertes“ Vitamin D – die
Calciumkonzentration im Blut nimmt ab. Der steigende Phosphat - und der niedrige
Calciumspiegel bewirken eine
vermehrte PTH-Freisetzung. Es veranlasst den Körper durch Knochenabbau mehr
Calcium und Phosphat freizusetzen, aber die Nieren können beides nicht mehr
ausreichend ausscheiden. Der Körper lagert das überschüssige Phosphat im
Gewebe ein. Dies führt zu einer Versteifung der Blutgefäßwände (Arteriosklerose)
sowie zur Verkalkung innerer Organe und der Haut („Weichteilverkalkung“). Ein
dauerhaft erhöhter Phosphatspiegel – und damit ein erhöhter PTH-Spiegel –
bewirkt zudem einen erhöhten Knochenumbau mit der Folge einer abnehmenden
Knochendichte, vermehrten Knochenbrüchen und –deformationen.
Wie wird eine Hyperphosphatämie behandelt?
Die Therapie besteht meist aus einer phosphatarmen Ernährung und Medikamenten
(Phosphatbinder), die das Phosphat bereits im Magen-Darm-Trakt binden, so dass
es nicht mehr ins Blut aufgenommen werden kann, sondern mit dem Stuhl
ausgeschieden wird. Mittels Dialyse kann ein Teil des überschüssigen Phosphats
im Blut dem Körper wieder entzogen werden. Für die Mehrzahl der Dialysepatienten
genügt die Phosphatentfernung durch die Dialyse und eine phosphatarme Diät nicht,
um das normale dynamische Gleichgewicht (Homöostase) zwischen Phosphat und
Calcium aufrecht zu erhalten, so dass zusätzlich die Gabe eines Phosphatbinders
notwendig ist. Phosphatbinder lassen sich in drei große Gruppen aufteilen.
Aluminiumhaltige Phosphatbinder wirken bereits in niedriger Dosierung effektiv.
Allerdings müssen die Blutspiegel von Aluminium regelmäßig kontrolliert werden,
um das Risiko von aluminiumbedingten Nebenwirkungen möglichst gering zu halten.
Calciumhaltige Phosphatbinder müssen oft sehr hoch dosiert werden, was mit einer
hohen Anzahl von Tabletten verbunden ist. Eine hohe Calciumbelastung wiederum
kann das Risiko einer Gefäßverkalkung erhöhen und den Knochenstoffwechsel
beeinträchtigen.
Aluminium- und calciumfreie Phosphatbinder haben den
Vorteil, dass sie gut verträglich sind und zu keiner Calciumbelastung führen.
Aus dieser Gruppe sind derzeit zwei Wirkstoffe erhältlich. Es handelt sich auf
der einen Seite um das Polymer Sevelamer, das relativ hohe Dosierungen erfordert.
Andererseits bietet Shire einen gut wirksamen Phosphatbinder, mit dem die
Mehrzahl der Patienten mit drei Kautabletten täglich auskommt.