Die richtige Diagnose kann Leben retten
Rezidivierende Schwellungsattacken der Mukosa und Submukosa sind ein relativ häufiges Krankheitsbild in der Praxis. Meistens handelt es sich um allergiebedingte, Histamin-vermittelte Angioödeme. Bei schweren Attacken bzw. stärkeren Beschwerden ist eine Behandlung mit Kortikosteroiden, Antihistaminika und ggf. Adrenalin die Therapie der Wahl.
Oft unterschätzt werden die selteneren nicht-allergiebedingten Angioödem-Formen. Hierzu gehört auch das Bradykinin-vermittelte hereditäre Angioödem, dessen Behandlung sich von den allergischen Schwellungen grundsätzlich unterscheidet: Die frühzeitige Differenzierung zwischen Histamin-vermittelten und Bradykinin-vermittelten Schwellungsattacken kann im Hinblick auf die Therapieentscheidung lebensrettend sein.
Das hereditäre Angioödem – abgekürzt HAE – beruht auf einer autosominal-dominant vererbten Mutation des C1-Inhibitor-Gens, das auf Chromosom 11 lokalisiert ist. Es sind heute knapp 200 verschiedene Mutationen in diesem Bereich bekannt. Auch de-novo Mutationen (kein bisheriges Auftreten in der Familienanamnese) kommen relativ häufig vor (etwa 20-30% aller HAE-Patienten). C1-INH spielt in zahlreichen Aktivierungsschritten des Komplement-, Gerinnungs- und Kininsystems eine regulative Rolle. Ein Mangel an funktionierendem C1-INH lässt unter anderem die Bradykinin- Konzentration ansteigen. Über Bindung an Bradykinin-B2-Rezeptoren der Endothelzellen bewirkt Bradykinin eine Vasodilatation und erhöht die Permeabilität der Blutgefäße. Die Folge ist ein Flüssigkeitsübertritt in das umliegende Gewebe, was ggf. zu einer Schwellungsattacke führt.
Es sind drei verschiedene HAE-Typen bekannt: Die häufigste Form, der Typ I, ist gekennzeichnet durch eine verminderte Synthese des funktionell intakten C1-INH, woraus niedrige C1-INH- Konzentrationen resultieren. Zu diesem HAE-Typ gehören etwa 80-85% der Patienten. Beim HAE Typ II werden normale oder sogar erhöhte Konzentrationen eines funktionell defekten C1-INHProteins gebildet. Von diesem Typ sind etwa 15-20% der Patienten betroffen. Der sehr selten vorkommende HAE Typ III tritt vor allem bei Frauen auf, in der Familienanamnese finden sich weitere Fälle. Bei dieser Form der Erkrankung liegt oft, aber nicht immer, eine Mutation im Gen für den Faktor XII (Hagemann-Faktor) vor, während die Konzentration und Aktivität von C1-INH normal sind. Die Mutation von Faktor XII resultiert in einer erhöhten Kinin-Produktion und damit auch in einem Anstieg der Bradykinin-Spiegel.