Morbus Gaucher – die häufigste unter den seltenen Speicherkrankheiten
Morbus Gaucher ist eine der häufigsten vererbten Stoffwechselstörung aus der Gruppe der seltenen lysosomalen Speichererkrankungen. Schätzungen zufolge sind in Mitteleuropa rund 1:40.000 Menschen betroffen. In einigen Ländern (z. B. Israel) findet sich die Erkrankung deutlich öfter.
Beim Morbus Gaucher wird im Körper zuwenig von einem Enzym namens Beta-Glukozerebrosidase produziert. Dieses Enzym spaltet normalerweise das Stoffwechselzwischenprodukt Glukozerebrosid in seine Bestandteile auf – das sind Glukose („Traubenzucker“) und der Fettstoff Zeramid. Wenn das Enzym Beta-Glukozerebrosidase fehlt oder defekt ist, kann Glukozerebrosid nicht ausreichend abgebaut werden. Als Folge reichert sich das Zwischenprodukt in den Lysosomen der Zellen an. Dies betrifft vor allem einen bestimmten Zelltyp des Immunsystems, die so genannten Makrophagen („Fresszellen“). Das übermäßig vorhandene „unverdaute“ Glukozerebrosid wird in den Zellen abgelagert. Die Folge ist eine Vergrößerung der Makropahgen, die man in diesem Zustand auch als Gaucher-Zellen bezeichnet. Größere Ansammlungen von Gaucher- Zellen finden sich vor allem in der Leber, in der Milz und im Knochenmark. Manchmal sind auch andere Gewebe betroffen, wie z. B. das Nervensystem, die Lungen, das Herz und die Nieren. Die Anreicherung von Gaucher-Zellen kann im Laufe der Zeit zu mehr oder weniger ausgeprägten Funktionsstörungen der genannten Organe bzw. Organsysteme führen.
Vererbung des Morbus Gaucher
Der Morbus Gaucher wird autosomal-rezessiv vererbt. Dies bedeutet, dass die Krankheit nur dann zum Ausbruch kommt, wenn ein Kind von beiden Eltern eine entsprechend veränderte Erbanlage erhält. Mitglieder einer Familie, in der ein Morbus Gaucher festgestellt wurde, sollten im Rahmen einer genetischen Beratung die Wahrscheinlichkeit einer Weitervererbung klären lassen. Wenn beide Eltern jeweils ein verändertes Gen und ein gesundes Gen mit der Information für Beta- Glukozerebrosidase tragen, liegt die Wahrscheinlichkeit bei 25%, dass ihr Kind – egal ob Junge oder Mädchen – an Morbus Gaucher erkrankt.
Krankheitszeichen
Die Symptome eines Morbus Gaucher können unterschiedlich stark ausgeprägt sein – von leicht bis sehr schwer. Da das „Abbau-Enzym“ Beta-Glukozerebrosidase nicht bzw. nur unzureichend zur Verfügung steht oder defekt ist, reichert sich der zuckerhaltige Fettstoff Glukozerebrosid in den Makrophagen von Leber, Milz und Knochenmark an. Die Folgen sind Vergrößerungen und Funktionsstörungen der betroffenen Organe. Dies führt typischerweise zu Blutarmut (= Anämie), Müdigkeit, Leistungsminderung, Blutungsneigung bzw. häufigen Blutergüssen, Knochenschmerzen, Gelenkkomplikationen und Knochenbrüchen.
Die Vergrößerung der Leber bei Morbus Gaucher verursacht unter Umständen ein Druckgefühl im Bauchraum. Bei sehr schweren Formen entwickelt sich eine Zirrhose, d. h. eine Vernarbung der Leber mit einer Verdrängung des funktionsfähigen Lebergewebes und mit entsprechenden Störungen der Leberfunktion.
Wenn sich sehr viele Gaucher-Zellen in der Milz ansammeln, dehnt sich diese irgendwann soweit aus, dass andere Organe im Bauchraum bedrängt werden. Typische Hinweise sind ein „dicker Bauch“, Oberbauchbeschwerden, Appetitverlust und/oder Kurzatmigkeit. Durch die Überaktivität der Milz werden rote Blutkörperchen schneller abgebaut, was mit Blutarmut und leichter Ermüdbarkeit einhergeht. Auch die Zahl der weißen Blutkörperchen, die eine wichtige Rolle bei der Immunabwehr spielen, kann reduziert sein. Dies schwächt die körpereigene Abwehr bzw. erhöht die Infektanfälligkeit. Ein übermäßiger Abbau von Blutplättchen erhöht außerdem die Blutungsneigung. Die Folgen sind z. B. häufige blaue Flecken, Nasenbluten oder Zahnfleischbluten. Die Beteiligung des Knochenmarks bei Morbus Gaucher ist mit Veränderungen der Knochenstruktur (Rückbildung der Knochenmasse, gestörter Knochenaufbau, Zerstörung von Knochengewebe) verbunden. Betroffene leiden unter Knochenschmerzen und einer verminderten Knochenstabilität mit Neigung zu häufigen Knochenbrüchen. Bei Kindern sind Wachstumsstörungen typisch.
Diagnose
Eine Leber- und Milzvergrößerung mit entsprechenden Blutbildveränderungen und Knochensymptomen sind mögliche Hinweise auf einen Morbus Gaucher. Die Diagnose lässt sich durch eine Messung bestimmter Blutwerte, eine Untersuchung des Knochenmarks, die Messung der Beta-Glukozerebrosidase-Aktivität (die Blutprobe muss in ein entsprechend spezialisiertes Labor geschickt werden) und/oder durch den direkten Nachweis des Gen-Defekts (DNA-Untersuchung aus einer Blutprobe) absichern. Werdende Mütter können durch eine Untersuchung des Mutterkuchens (Plazenta) oder des Fruchtwassers feststellen lassen, ob das noch ungeborene Kind von der Erkrankung betroffen ist.
Behandlungsmöglichkeiten
Früher konnte man lediglich versuchen, die Beschwerden bei Morbus Gaucher zu lindern und Folgen der Erkrankung zu therapieren (z. B. Schmerztherapie, Bluttransfusionen, in schweren Fällen Milzentfernung, Knochenmarkstransplantation, orthopädische Eingriffe bei Skelettveränderungen, Gelenkersatz bei zerstörten Gelenken etc.).
Seit Anfang der 1990er Jahre gibt es die Möglichkeit einer Enzymersatztherapie (EET bzw. ERT), mit der sich der Morbus Gaucher ursächlich behandeln und ein Fortschreiten der Erkrankung verringern lässt. Dabei wird das fehlende bzw. defekte Enzym Beta-Glukozerebrosidase ersetzt und als Medikament in Form von Infusionen verabreicht. So können die in den Makrophagen („Fresszellen“) gespeicherten Glukozerebroside abgebaut werden.
Derzeit stehen zwei verschiedene Substanzen für die ERT zur Verfügung: Ein Präparat aus Ovarialzellen des chinesischen Hamsters (CHO-Zellen) und ein Präparat aus einer menschlichen Zell-Linie.
„Wie wird die Enzymersatztherapie durchgeführt?“
- Das fehlende Enzym wird alle zwei Wochen über eine Infusion in die Vene verabreicht
- Die ersten Infusionen finden in speziellen Behandlungszentren statt. Wenn der Patient das Medikament gut verträgt, können die weiteren Infusionen beim Arzt vor Ort oder möglicherweise auch beim Betroffenen zu Hause durchgeführt werden (Heimtherapie)
- Die Behandlung mit der Enzymersatztherapie muss lebenslang erfolgen
Eine weitere Behandlungsmöglichkeit bei Morbus Gaucher ist die so genannte Substrathemmung bzw. Substratreduktion. Hierbei wird eine Substanz verabreicht, mit der sich die Bildung von Glukozerebrosiden hemmen und somit die Anreicherung des Stoffwechselzwischenprodukts verringern lässt. Die Substrathemmung wird vor allem dann angewendet, wenn eine Enzymersatztherapie nicht in Frage kommt.
Ein möglicher zukünftiger Behandlungsansatz, der momentan noch in klinischen Studien geprüft wird, ist die so genannte Chaperon-Therapie. Chaperone sind in diesem Fall kleine, zuckerähnliche Substanzen, die eine fehlerhafte „Enzym-Faltung“ der Glukozerebrosidase korrigieren und so die Aktivität des Enzyms erhöhen sollen.
Auch eine Gentherapie befindet sich derzeit in der Erforschung.